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Neue Perspektiven für Mensch und Umwelt

Die vier Dimensionen des selbstfahrenden Unternehmens im Detail und warum Nachhaltigkeit und Humanität durch Transparenz möglich und unerlässlich werden.

Datum

15. Jänner 2024

Autorin oder Autor

Florian Schnitzhofer

Lesezeit

9 Min. Lesezeit

Tags

Selbstfahrendes Unternehmen, Nachhaltigkeit, Humanität, Resilienz, Arbeitswelt
Abstrakte Grafik: eine große, sanft gewölbte blaue Kugelfläche und ein diagonales blaues Band auf dunklem Grund, überlagert von einem feinen Raster.

Das selbstfahrende Unternehmen wird gerne auf ein Effizienzprogramm reduziert: weniger Routinen, schnellere Entscheidungen, geringere Kosten. In meinem Buch „Das selbstfahrende Unternehmen“ (Springer Gabler, 2021) habe ich die Vision bewusst weiter gefasst: Sie umfasst die vier Dimensionen Autonomie, Nachhaltigkeit, Resilienz und Humanität. Dieser Beitrag betrachtet die vier Dimensionen im Zusammenhang und vertieft jene beiden, die über das Unternehmen hinaus auf Gesellschaft und Umwelt wirken. Er zeigt, warum beide durch Transparenz erst möglich und zugleich unerlässlich werden, welche vermeintlichen Bedrohungen sich auflösen und welche neuen Arbeitswelten daraus entstehen.

Vier Dimensionen, ein Zusammenhang

Die Vision des Unternehmens 2035 ruht auf vier Dimensionen, die einander bedingen. Die Autonomie ist der Ausgangspunkt: Sobald rund 80 Prozent der betrieblichen Funktionen und Entscheidungen automatisiert und von ausreichend intelligenten Algorithmen gesteuert sind, spreche ich von einem selbstfahrenden Unternehmen. Die Resilienz ist die Antwort auf eine Welt, die seit dem Ende des Kalten Krieges unberechenbarer geworden ist; die Pandemie und die Energiekrise der vergangenen Jahre haben das bestätigt. Nachhaltigkeit und Humanität schließlich sind die Dimensionen, an denen sich entscheidet, ob der technische Fortschritt auch ein Fortschritt für Menschen und Umwelt ist.

Dimension Kernaussage Was sie bewirkt
Autonomie Rund 80 Prozent der Funktionen und Entscheidungen steuert Software Entlastung durch Selbststeuerung
Resilienz Echtzeitdaten, Hochrechnungen und Simulationen erkennen Risiken früh Handlungsfähigkeit auch unter widrigen Bedingungen
Nachhaltigkeit Alle Szenarien werden laufend auf Basis aller Daten berechnet Langfristige ökologische und ökonomische Ziele werden eingehalten
Humanität Der Mensch gibt die Richtung vor und bleibt der Maßstab Ausbeutung von Mensch und Natur lässt sich nicht mehr verschleiern

Die Autonomie entlastet uns, weil sich der Betrieb selbst steuert; die Resilienz erlaubt uns, die zunehmende Unberechenbarkeit der Welt zu bewältigen. Nachhaltigkeit und Humanität dagegen sind keine Eigenschaften, die sich einbauen lassen wie eine Funktion. Sie entstehen aus der vollständigen Transparenz, die ich in Transparenz für Wertschöpfung, Fairness und Lebensqualität beschrieben habe: Ein Unternehmen, dessen Entscheidungen bis ins Detail einsehbar sind, kann nachhaltig und human handeln, weil es alle Folgen kennt. Es muss es aber auch, weil es nichts mehr verbergen kann. Diese Doppelwirkung macht die beiden Dimensionen zu den politisch und gesellschaftlich entscheidenden.

Nachhaltigkeit: Komplexität bewältigen statt kurzfristig entscheiden

Spätestens seit dem Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums aus dem Jahr 1972 ist Nachhaltigkeit ein vieldiskutiertes Thema. Neu ist, wie wenig Nachlässigkeit heute noch akzeptiert wird, nicht nur von den jüngeren Generationen, die 2035 einen wesentlichen Teil der Akteurinnen und Akteure in der Wirtschaft stellen werden. Der Druck ist inzwischen auch rechtlich konkret: Die europäische Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD, Richtlinie (EU) 2022/2464) gilt für die ersten großen Unternehmen ab dem Geschäftsjahr 2024 und verpflichtet sie, über Nachhaltigkeit mit ähnlicher Verbindlichkeit zu berichten wie über ihre Finanzkennzahlen. Und die Europäische Union hat im März 2023 beschlossen, dass neu zugelassene Pkw ab 2035 kein CO2 mehr ausstoßen dürfen (Verordnung (EU) 2023/851). Was 2021 noch ein Zukunftsszenario war, ist heute ein gesetzlicher Fahrplan.

Meine These ist, dass ein autonomes Unternehmen 2035 ausnahmslos nachhaltig sein und entsprechend wirtschaften muss. Mit einem selbstfahrenden Unternehmen ist das besser zu erreichen als mit einem Betrieb, in dem Menschen alle Entscheidungen treffen. Menschen entscheiden kurzfristig und innerhalb der Grenzen ihres eigenen Systems, also der Abteilung oder des Quartalsziels. Im festen Glauben, rational zu handeln, blenden sie die langfristigen Folgen aus, weil niemand alle Wechselwirkungen einer komplexen Entscheidung gleichzeitig im Kopf behalten kann. Das selbstfahrende Unternehmen gleicht dagegen einem nach innen und außen vollständig vernetzten Organismus, der laufend alle Szenarien auf Basis aller Daten berechnet: den Energiebezug je Stunde, die Materialflüsse, die Transportwege, die Lebensdauer der Produkte und die Verwertung der Reststoffe. Was eine Planungsabteilung einmal im Jahr durchrechnet, berücksichtigt das System bei jeder einzelnen Entscheidung.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens optimiert Software nur, was ihr als Ziel vorgegeben wird. Nachhaltigkeit entsteht nicht von selbst, sondern weil ökologische Ziele mit demselben Gewicht spezifiziert werden wie Marge und Liefertermin; die Richtung kommt vom Menschen. Zweitens wirkt Nachhaltigkeit nur, wenn sie überprüfbar ist. Ein Nachhaltigkeitsbericht ist im selbstfahrenden Unternehmen kein Dokument, das einmal jährlich erstellt und geschönt wird, sondern eine Abfrage über dieselben Daten, mit denen das Unternehmen gesteuert wird. Greenwashing verliert seine Wirkung, weil die Daten hinter dem Bericht einsehbar sind. Wer nichts verbergen kann, kann auch nicht täuschen.

Humanität: Der Mensch gibt die Richtung vor

Das Unternehmen 2035 agiert weitgehend autonom und stellt dennoch den Menschen in jeder Hinsicht in den Mittelpunkt. Die Angst, die Computer könnten den Menschen beherrschen, ist heute wie morgen unbegründet; warum, habe ich in KI und Science-Fiction: warum es Skynet nicht geben wird ausgeführt. Software hat keine eigenen Motive. Sie kennt weder Ehrgeiz noch Neid, sie strebt nicht nach Macht und hat keinen Willen. Sie wird auch 2035 genau das tun, wozu wir sie programmiert haben: Aufgaben erledigen, Probleme lösen, Routinen bewältigen. Der Unterschied zu heute: Sie lernt kontinuierlich und in hoher Geschwindigkeit weiter. Die Richtung aber geben Menschen vor: Wie sollen die Ergebnisse aussehen? Welche positiven Effekte müssen gewährleistet sein? Was ist auf jeden Fall zu vermeiden?

Im Gegensatz zu Menschen versucht Software nicht, diese Grenzen zu umgehen: Sie verschleiert nichts, übervorteilt keine andere Abteilung, wirtschaftet nicht in die eigene Tasche, erniedrigt und belästigt niemanden, sondern tut rund um die Uhr genau das, was wir ihr vorgegeben haben. Damit die Gesellschaft diese Systeme akzeptiert, müssen zwei Anforderungen erfüllt sein, die ich im Buch als die wichtigsten an intelligente Algorithmen bezeichnet habe: Nachvollziehbarkeit und Vorhersehbarkeit der Entscheidungen. Die politische Einigung über die KI-Verordnung (AI Act), die das Europäische Parlament und der Rat im Dezember 2023 erzielt haben, weist in dieselbe Richtung: Transparenzpflichten und menschliche Aufsicht für Hochrisikosysteme, darunter solche, die über Menschen entscheiden. Für das selbstfahrende Unternehmen sind das keine Hürden, sondern Bedingungen, die es von seiner Konstruktion her erfüllt.

Da die operativen und taktischen Entscheidungen vom System getroffen werden, haben die Menschen den Kopf frei, über die humanitären Belange nachzudenken und sie zu verbessern. Das Unternehmen 2035 muss dabei nicht nur human sein, sondern humanitär: Jede Form der Ausbeutung von Menschen wird schon heute stark kritisiert und in Zukunft noch weniger akzeptabel sein. Wiederum liegt der Grund in der Transparenz. Es wird im selbstfahrenden Unternehmen nicht mehr möglich sein, ungünstige Praktiken zu verschleiern, weder intern noch entlang der Lieferkette. Die Märkte werden ausschließlich für jene Unternehmen offen sein, die humanitäre Grundsätze strikt einhalten.

Das Leben wird für die Menschen in einer Gesellschaft mit humanitär ausgerichteten selbstfahrenden Unternehmen lebenswerter und unsere Arbeitstätigkeit menschlicher.

Aus „Das selbstfahrende Unternehmen“ (Springer Gabler, 2021)

Scheinbare Bedrohungen und ihre Auflösung

Über die Angst vor der Herrschaft der Maschinen hinaus lösen die Veränderungen weitere, subjektiv empfundene Bedrohungen aus. Bei genauer Analyse erweisen sie sich als lösbar und eröffnen jeweils eine neue Perspektive. Drei Beispiele.

Die kreative, humane und ökologische Fabrik

Viele Tätigkeiten werden inhaltlich aufgewertet, weil die eintönigen Routinen von der Software übernommen werden. Schon heute können Werkstücke von Robotern beschafft und der Maschine aufgelegt werden, während Algorithmen die Qualitäts- und Leistungskontrolle übernehmen. Viele Menschen werden in der Fabrik bleiben, sich aber auf die kreativen und empathischen Tätigkeiten konzentrieren: neue Produktideen, Verbesserungsvorschläge, die Vertiefung der Kundenbeziehung, Denkwerkstätten für die Verwertung von Reststoffen oder die Planung der neuen Anlage samt Betriebskindergarten gemeinsam mit den Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinde. Die Fabrik wird zum Ort, an dem Menschen gestalten und Software den Betrieb führt.

Arbeitswelten statt Arbeitsplätze

Im Buch habe ich geschätzt, dass 20 bis 30 Prozent der derzeitigen „Arbeitsplätze“ wegfallen werden. Die bisherigen technischen Evolutionen zeigen jedoch, dass im gleichen Ausmaß oder mehr neue Betätigungsfelder entstehen; aus schweißtreibender Feldarbeit wurden Fabriktätigkeiten, aus diesen Büroarbeit in klimatisierten Räumen. Der Produktivitätsgewinn kommt zudem zum richtigen Zeitpunkt: Durch den demografischen Wandel werden uns 2035 deutlich weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Die gestiegene Produktivität eröffnet den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Wahl, die es bisher nicht gab: höhere Gehälter oder mehr Freizeit bei hohem Gehalt. Weil die Routinen wegfallen, genügen nach meiner Einschätzung im Buch fünf bis sechs Stunden Arbeit pro Tag für das volle Pensum einer früheren Vollzeitkraft, und zwar auf höherem inhaltlichem Niveau. Das Büro verliert seine Funktion als Ort der Anwesenheit und wird zum Treffpunkt selbstorganisierender Teams; nicht Arbeitsort und Präsenz zählen, sondern Ergebnisse.

Neue Hochblüte für das echte Handwerk

Selbstfahrende Unternehmen produzieren Waren automatisiert und kosteneffizienter denn je. Diese Produkte werden günstiger und stehen einer sehr breiten Schicht der Gesellschaft zur Verfügung. Zugleich bleiben persönliche Dienstleistungen gefragt, im Gesundheitswesen, in der Betreuung und in immer differenzierteren psychologischen Angeboten. Und hochwertige Erzeugnisse aus Handarbeit werden vielleicht mehr denn je gefragt sein; für eine handgemachte Semmel werden Kundinnen und Kunden auch 2035 bereit sein, deutlich mehr zu bezahlen. In Der Mensch im selbstfahrenden Unternehmen habe ich das in sechs Thesen zusammengefasst, von „Menschen wollen von Menschen Produkte kaufen“ bis „Der Mensch wird immer Arbeit haben“. Die Voraussetzung dafür liegt allerdings nicht in der Technik, sondern im politischen Rahmen: Solange menschliche Arbeit so hoch besteuert wird wie heute, bleibt die Maschine im Vorteil.

Was das für Politik und Unternehmen bedeutet

Die Idee des selbstfahrenden Unternehmens wird sich in den kommenden Jahren von einer wirtschaftswissenschaftlichen Idee zu einem Thema entwickeln, das Politik, Gesellschaft und Gesetzgebung durchdringt. Die Gesellschaft als Ganzes wird durch hocheffiziente, steuerzahlende Unternehmen profitieren und kann damit die Übergangseffekte für die Benachteiligten dieser Transformation mehr als ausgleichen. Aus heutiger Sicht sehe ich fünf Handlungsfelder:

  • Nachhaltigkeitsziele als Systemziele. Ökologische Ziele gehören in die Spezifikation der Entscheidungslogik, nicht in den Geschäftsbericht. Was nicht als Ziel formuliert ist, wird auch nicht optimiert.
  • Transparenz gegenüber Staat und Gesellschaft. Abgaben in Echtzeit, prüfbare Berichte und nachvollziehbare Entscheidungen ersetzen Kontrolle durch Gewissheit.
  • Bildung. Softwareprogrammierung und die Funktionsweise von Algorithmen gehören in alle Lehrpläne, denn nur eine aufgeklärte und wissende Gesellschaft kann mit dieser Technologie souverän umgehen.
  • Haftung. Wer verantwortet die Entscheidung eines Algorithmus, etwa beim ungeplanten Ausfall eines Systems? Diese Frage muss gesetzlich neu gedacht werden; Versicherungen werden die seltenen Schadensfälle absichern.
  • Besteuerung menschlicher Arbeit. Wenn sich Menschen Leistungen von Menschen leisten können sollen, darf der Faktor Arbeit nicht länger der teuerste Produktionsfaktor sein.

Für Unternehmen beginnt dieser Weg nicht mit einem Gesetz, sondern im eigenen Haus: mit einer Spezifikation, die neben wirtschaftlichen auch ökologische und humanitäre Ziele enthält, mit Entscheidungen, die protokolliert und erklärbar sind, und mit der Bereitschaft, die eigenen Daten gegenüber Partnern und Staat offenzulegen, bevor es der Gesetzgeber verlangt.

Der nächste Schritt

Wie die vier Dimensionen zusammenwirken und wie die Vision des Unternehmens 2035 insgesamt aufgebaut ist, beschreibt mein Buch, das seit November 2023 unter dem Titel „The Self-Driving Company“ auch auf Englisch bei Springer erschienen ist: Zum Buch. Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Unternehmen bei Autonomie, Resilienz, Nachhaltigkeit und Humanität steht und welche Ziele sich zuerst in die Entscheidungslogik Ihrer Software aufnehmen lassen, sprechen wir gerne mit Ihnen: Expertengespräch buchen.

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