Transparenz für Wertschöpfung, Fairness und Lebensqualität
Warum nachvollziehbare Software Abteilungsegoismen beendet, Fairness nach innen, gegenüber Partnern und Staat schafft und mehr Lebensqualität bringt.
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Im selbstfahrenden Unternehmen trifft Software den Großteil der operativen und taktischen Entscheidungen. Das funktioniert nur, wenn jede dieser Entscheidungen bis ins Detail nachvollziehbar ist. Dieser Beitrag zeigt, warum Transparenz deshalb bei der Software beginnt, wie sie die Organisation auf das Gesamtoptimum ausrichtet, Fairness gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Partnern und Staat herstellt und am Ende mehr Lebensqualität bringt.
Transparenz beginnt bei der Software
In meinem Buch „Das selbstfahrende Unternehmen“ (Springer Gabler 2021) habe ich beschrieben, wie die klassischen End-to-End-Prozesse zu vernetzten, mehrdimensionalen Funktionen werden, die laufend in Echtzeit miteinander kommunizieren; in Das Ende der Prozesse, hoch leben die Algorithmen habe ich diesen Gedanken vertieft. Eine Folge dieser Vernetzung wird oft übersehen: Ein Unternehmen, dessen Funktionen vollständig in Software abgebildet sind, ist zum ersten Mal in seiner Geschichte vollständig einsehbar. Jede Entscheidung hat einen Auslöser, eine Datengrundlage und eine Regel, nach der sie getroffen wurde, und all das lässt sich speichern, abfragen und prüfen.
Diese Nachvollziehbarkeit ist keine angenehme Nebenwirkung, sondern eine Bedingung. Wenn Algorithmen entscheiden, muss das Management bei unerwarteten Veränderungen eingreifen können, und dazu muss es verstehen, warum das System so entschieden hat, wie es entschieden hat. Menschen nehmen gegenüber Algorithmen, die sie nicht verstehen, eine Abwehrhaltung ein; was nicht verstanden wird, wird ins Mystische gezogen. Akzeptanz entsteht erst mit Nachvollziehbarkeit. In Wie entscheiden selbstfahrende Unternehmen habe ich gezeigt, dass die weitaus meisten Entscheidungen in Unternehmen regelbasiert sind und sich daher exakt erklären lassen. Wo lernende Verfahren zum Einsatz kommen, gilt umso mehr: Die Entscheidungslogik gehört spezifiziert, die Datengrundlage dokumentiert, das Ergebnis protokolliert.
Dass dieses Thema gerade jetzt Konjunktur hat, ist kein Zufall. Seit ChatGPT im vergangenen November für alle verfügbar wurde, diskutieren Unternehmen, welche Entscheidungen sie Software anvertrauen wollen und wie sie deren Ergebnisse prüfen. Und gestern, am 14. Juni 2023, hat das Europäische Parlament seine Verhandlungsposition zum AI Act beschlossen; die Verhandlungen mit dem Rat beginnen nun. Wie die endgültige Verordnung aussehen wird, ist offen. Für das selbstfahrende Unternehmen ist die Richtung unabhängig vom Ausgang klar: Nachvollziehbarkeit ist kein Zugeständnis an den Gesetzgeber, sondern die Grundlage dafür, dass Software überhaupt Verantwortung übernehmen darf.
Schluss mit dem Abteilungsdenken
Wer länger in einer größeren, hierarchisch strukturierten Organisation gearbeitet hat, kennt das Muster: Mit der Zeit entwickelt jede Abteilung ihre eigene Logik und optimiert vor allem für sich selbst, um gegenüber den anderen Abteilungen besser dazustehen. Informationen werden zurückgehalten, Fehler kaschiert, unvollständige oder falsche Daten weitergereicht. Der Schaden bleibt oft über Jahre unbemerkt und fällt erst auf, wenn die Verantwortlichen das Unternehmen längst verlassen haben.
Vollständige Transparenz beendet dieses Spiel, weil sie die Kennzahlen jeder Funktion in Echtzeit sichtbar macht und jede Abweichung sofort dem Gesamtsystem zuordnet. Der Nutzen für die Gesamtorganisation wird damit zur einzigen Maxime, die noch trägt, und das Unternehmen kann seine Entscheidungen in einem Maß auf das Gesamtoptimum ausrichten, das mit Abteilungsgrenzen nicht zu erreichen ist. Auch die Kämpfe um Aufstieg, die in klassischen Betrieben über Einschmeicheln und Intrigen ausgetragen werden, verlieren ihre Grundlage; die Energie, die dort gebunden war, fließt in produktive Arbeit.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass Menschen zu willenlosen Ausführenden des Systems werden. Im Gegenteil: Die Routinen, die bisher ihre Zeit gebunden haben, fallen weg, und sie können sich den Aufgaben zuwenden, die tatsächlich Urteilskraft verlangen. Wie in Die Unternehmensstruktur für wahre Agilität beschrieben, arbeiten diese Menschen in weitgehend autonomen Teams, die vom System mit den jeweils aktuellsten, auf das Gesamtoptimum abgestimmten Informationen versorgt werden. Alle Ergebnisse sind im Sinne der vollkommenen Transparenz jederzeit hinsichtlich aller Entscheidungskriterien einsehbar.
Fairness gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Partnern und Staat
Transparenz wirkt in drei Richtungen zugleich: nach innen zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, nach außen zu Lieferanten sowie Kundinnen und Kunden und zum Staat als Steuer- und Aufsichtsbehörde.
| Richtung | Was einsehbar wird | Wirkung |
|---|---|---|
| Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter | Ziele, Ergebnisse, Entscheidungsgründe | Karrieren nach Leistung, nachvollziehbare Begründungen |
| Partner | Auftrags-, Liefer- und Rechnungsdaten in Echtzeit | Gerechte Abrechnung auch für kleine Lieferanten |
| Staat | Abgabenrelevante Daten, Rechenkern aus Gesetzen | Steuern in Echtzeit, Prüfung ohne Routineaufwand |
Karrieren nach Ergebnis statt nach Inszenierung
Weil das mittlere, operative und taktische Management von Software abgelöst wird, werden Karrieren sachorientierter und flacher. Was zählt, ist, ob ein Team die vereinbarten Schlüsselergebnisse im Sinne der übergeordneten Ziele tatsächlich erreicht, und nicht, wie überzeugend sich jemand in Szene setzt. Die Entlohnung lässt sich dank der hohen Transparenz an der Leistung ausrichten, und die Aufgaben sind mit mehr Eigenverantwortung verbunden. Selbst unangenehme Entscheidungen, etwa Kündigungen, werden vom System transparent, fair und nachvollziehbar begründet. Für die Betroffenen ist das ein erheblicher Unterschied zu den intransparenten Verfahren, die heute üblich sind.
Handelsplattformen, die auch kleine Partner fair behandeln
Nach außen entsteht Transparenz über gemeinsame Handels- und Vertragsplattformen, die für die eine Seite den Vertrieb und für die andere Seite die Beschaffung organisieren. Ihr Mehrwert liegt im automatisierten Austausch von Auftrags-, Liefer- und Rechnungsdaten: Statt jeden Teilbetrag einzeln hin und her zu überweisen, führt das System laufend den Saldo der gegenseitigen Guthaben und Forderungen. Im Buch habe ich das am Beispiel des fiktiven Unternehmens GRANOBIZ im Jahr 2035 durchgespielt: Während Großkonzerne in den 2020er-Jahren mit Steuertricks Vorteile für sich herausholten, sorgt die absolute Transparenz einer solchen Plattform für eine Gerechtigkeit, von der auch kleine Lieferanten wie regionale Biobauern profitieren. Lieferanten, die unzuverlässig liefern oder technologisch nicht mithalten, verlieren dagegen rasch ihren Platz im Markt: Jede Leistungsstörung zwingt das selbstfahrende Unternehmen punktuell zurück in die analoge Welt, in der wieder Menschen von Hand nacharbeiten müssen.
Steuern in Echtzeit
Gegenüber dem Staat geht Transparenz am weitesten. Da sämtliche Daten laufend verfügbar sind, kann das selbstfahrende Unternehmen seine Abgaben in Echtzeit begleichen. Die maßgeblichen Gesetze liegen dann nicht mehr nur als Text vor, sondern als Algorithmen, die dem Unternehmen als Rechenkern zur Verfügung gestellt werden. Weil dieser Rechenkern zuverlässig und transparent arbeitet, kann sich die Finanzverwaltung darauf verlassen, dass alle Abgaben korrekt und zeitgerecht erfolgen. Für die Routineprüfung braucht es dann keine Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer mehr, weil das System selbst vollständig prüfbar ist; Steuerberaterinnen und Steuerberater konzentrieren sich auf strukturelle Fragen und agieren als Unternehmensberaterinnen und Unternehmensberater. Auch künftig werden Unternehmen versuchen, ihre Steuerlast mit einfallsreichen Gestaltungen zu senken. Der Unterschied: Unter vollständiger Transparenz kommen nur Gestaltungen infrage, die hundertprozentig korrekt sind und jeder Prüfung standhalten.
Die Spieltheorie erklärt, warum das mehr ist als Kontrolle: Wer weiß, dass sich die anderen Beteiligten ebenfalls an die Regeln halten, ist selbst deutlich eher bereit, korrekt zu handeln. Transparenz schafft damit eine Fairness, die nicht auf Misstrauen beruht, sondern auf Gewissheit.
Humanitäre und ökologische Grundsätze werden überprüfbar
Der Weg zum selbstfahrenden Unternehmen lässt sich mit Zuversicht gehen, weil sich jeder Schritt hinsichtlich seiner Folgen abschätzen lässt; die dafür nötigen Daten und Fakten liegen in Echtzeit vor, in einer Transparenz, die es bisher nicht gab. Und weil das System die operativen und taktischen Entscheidungen trifft, gewinnen die Menschen die Zeit und den Kopf, sich um humanitäre und ökologische Belange zu kümmern und sie zu verbessern.
Ein selbstfahrendes Unternehmen muss nicht nur human geführt werden, es muss auch humanitär handeln; im Buch habe ich das für das Unternehmen 2035 als Bedingung formuliert. Ausbeutung von Menschen und Raubbau an der Natur stehen schon heute in der Kritik und werden künftig noch weniger hingenommen. Der Grund liegt erneut in der Transparenz: Wo alle Daten einsehbar sind, lassen sich fragwürdige Praktiken weder nach innen noch nach außen verschleiern. Geschönte Nachhaltigkeitsberichte und Greenwashing verlieren ihre Wirkung, weil die Daten, auf denen sie beruhen, offenliegen. Zugang zu den Märkten behalten am Ende nur Unternehmen, die ökologische und humanitäre Grundsätze tatsächlich einhalten.
Vor allem die absolute Transparenz der selbstfahrenden Unternehmen hin zu den Kunden, zu den Mitarbeitenden, zum Staat und der Gesellschaft wird zunehmend für die Bündelung aller Kräfte in die richtige Richtung sorgen.
Aus „Das selbstfahrende Unternehmen“ (Springer Gabler 2021)
Lebensqualität für Führungskräfte, Eigentümerinnen und Eigentümer
Die extreme Transparenz des Unternehmens entlastet die Spitze von vielen Pseudo-Entscheidungen. Liquidität, Auslastung, Auftragslage, die Struktur von Märkten und Kundengruppen, Prognosen und Simulationen auf verlässlicher Datenbasis: All das steht jederzeit bereit, ohne dass jemand einen Bericht anfordern müsste. Die Arbeit von Führungskräften sowie Eigentümerinnen und Eigentümern konzentriert sich auf weitreichende strategische Entscheidungen, die auf exzellenten Datengrundlagen beruhen; die Planungshorizonte verschieben sich auf mehr als zehn Jahre. Die Rollen von Eigentum und Geschäftsführung rücken näher zusammen, weil das Unternehmen dank Transparenz und laufender Prognosen einfacher zu steuern ist.
Wenn der Großteil der operativen und taktischen Entscheidungen automatisiert ist, braucht niemand mehr 80-Stunden-Wochen mit täglich zehn Meetings, um das Unternehmen im Griff zu behalten. Das selbstfahrende Unternehmen sorgt damit auch für die Lebensqualität seiner Führungskräfte und Eigentümerinnen und Eigentümer. Wer mehr arbeiten und mehr verdienen will, kann das weiterhin tun; diese Freiheit nimmt niemand. Und für die Kundinnen und Kunden bedeutet die Kombination aus sinkenden Stückkosten und individualisierten Produkten eine größere Vielfalt an besseren und dennoch leistbaren Produkten.
Was Unternehmen jetzt tun können
Der Weg zu dieser Transparenz beginnt nicht mit einem Gesetz und nicht mit einer neuen Technologie, sondern mit Entscheidungen im eigenen Haus. Aus unseren Projekten kennen wir fünf Ansatzpunkte, die sich unabhängig von Branche und Größe umsetzen lassen:
- Entscheidungslogik explizit machen. Welche Regeln liegen einer Kreditfreigabe, einer Preisänderung oder einer Nachbestellung zugrunde? Solange diese Regeln nur in den Köpfen von Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern existieren, kann keine Software sie nachvollziehbar anwenden. Eine Spezifikation, die Regeln, Daten und Ausnahmen beschreibt, ist der erste Schritt.
- Eine Datengrundlage statt vieler Wahrheiten. Transparenz scheitert, wenn Vertrieb, Produktion und Finanzen mit unterschiedlichen Zahlen arbeiten. Die Daten jeder Funktion müssen für alle anderen Funktionen in Echtzeit lesbar sein.
- Entscheidungen protokollieren. Jede automatisierte Entscheidung braucht einen Eintrag: Auslöser, Datenstand, angewendete Regel, Ergebnis. Erst dieser Audit-Trail macht Eingriffe des Managements und Prüfungen durch Dritte möglich.
- Erklärbarkeit vor Raffinesse. Wo Entscheidungen Menschen betreffen, ist ein nachvollziehbares Regelwerk einem undurchsichtigen Modell vorzuziehen, auch wenn Letzteres im Einzelfall genauer wäre. Lernende Verfahren gehören dorthin, wo ihre Ergebnisse geprüft und erklärt werden können; in Die Vielfalt intelligenter Softwaresysteme habe ich beschrieben, welche Verfahren sich für welche Aufgaben eignen.
- Dokumente durch Daten ersetzen. Bestellung, Auftragsbestätigung, Lieferschein, Rechnung und Zahlungsbestätigung sind Träger von Daten, die längst elektronisch vorliegen. Wer den Bedarf automatisch erkennt, die Leistung erfasst und die Zahlung mit der elektronischen Rechnung auslöst, hat die Prozesskette ohne Papier und ohne Abtippen geschlossen, und zwar so, dass jeder Schritt transparent bleibt und sich im Detail nachvollziehen lässt.
Keiner dieser Schritte setzt das selbstfahrende Unternehmen voraus. Jeder einzelne bringt aber schon heute einen spürbaren Teil seiner Wirkung: weniger Abstimmungsaufwand, schnellere Entscheidungen und eine Datenlage, auf die sich Management, Partner sowie Prüferinnen und Prüfer gleichermaßen verlassen können.
Der nächste Schritt
Transparenz ist die Voraussetzung dafür, dass Autonomie, Nachhaltigkeit, Resilienz und Humanität, die vier Faktoren des selbstfahrenden Unternehmens, überhaupt überprüfbar werden. Wie die Vision insgesamt aufgebaut ist, lesen Sie auf der Seite zum Buch: Zum Buch. Wenn Sie wissen möchten, wo Ihr Unternehmen bei der Nachvollziehbarkeit seiner Entscheidungen steht und welche Funktionen sich zuerst transparent in Software abbilden lassen, sprechen wir gerne mit Ihnen: Expertengespräch buchen.

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Christian Buchegger
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